Sexualdelikte, Sexting im Jugendstrafrecht

Sexting, Nacktfotos in Klassenchats, Cybergrooming – Sexualdelikte im Zusammenhang mit digitalen Medien sind ein wichtiges Thema im Jugendstrafrecht. Was vielen Jugendlichen nicht bewusst ist: Das Versenden intimer Bilder unter Minderjährigen kann eine Straftat nach § 207a StGB sein – selbst wenn alle Beteiligten freiwillig handeln.

Als Strafverteidiger in Wien und Mitherausgeber des JGG-Praxiskommentars (Linde 2025) verteidige ich Jugendliche in genau diesen sensiblen Fällen – diskret, kompetent und mit klarem Fokus auf die Vermeidung eines Strafregistereintrags.

Mag. Zaid Rauf ist Mitherausgeber des JGG – Praxiskommentar zum Jugendgerichtsgesetz (Linde 2025), verfasst mit Jugendrichtern des LG für Strafsachen Wien. → Zum Buch

Altersgrenzen bei Sexualdelikten

AlterBezeichnungSexualstrafrechtliche Relevanz
unter 14UnmündigeStarker Schutz (§§ 206, 207 StGB). Ausnahme bei geringem Altersunterschied: Geschlechtliche Handlungen sind straflos, wenn der Ältere höchstens vier Jahre älter und die jüngere Person mindestens 12 ist (§ 207 Abs 4); bei Beischlaf und dem Beischlaf gleichzusetzenden Handlungen gilt das nur bis zu drei Jahren Unterschied und ab 13 (§ 206 Abs 4). Jeweils nur, wenn die Tat keine schwere Körperverletzung und nicht den Tod zur Folge hat und die jüngere Person weder längere Zeit in einen qualvollen Zustand versetzt noch in besonderer Weise erniedrigt wird.
14–15Mündige MinderjährigeSchutz vor Ausnutzung (§ 207b StGB), Sexting-Ausnahme ab 14
16–17Mündige Minderjährige§ 207a StGB bei Weitergabe von Aufnahmen, Autoritätsmissbrauch § 212
ab 18VolljährigAllgemeines Sexualstrafrecht

Sexting: Wann strafbar, wann nicht?

Seit dem StRÄG 2015 gilt eine Ausnahme für einvernehmliches Sexting unter Jugendlichen (§ 207a Abs 5 Z 1 und Abs 6 Z 1 StGB):

Straflos (erlaubt):

  • Einvernehmliches Versenden oder Besitzen eigener intimer Bilder, wenn die abgebildete Person mindestens 14 Jahre alt ist
  • Die Aufnahmen nur für den eigenen Gebrauch bestimmt sind
  • Die abgebildete Person zugestimmt hat

Strafbar:

  • Weiterleitung an Dritte – auch wenn das Bild freiwillig geschickt wurde
  • Aufnahmen von Personen unter 14 Jahren – die Sexting-Ausnahme gilt nicht (§ 207a Abs 5 Z 1 und Abs 6 Z 1 StGB erfassen nur mündige Minderjährige); ausgenommen ist nur, wer ein solches Bild von sich selbst besitzt (§ 207a Abs 6 Z 2 StGB)
  • Veröffentlichung in sozialen Medien, Klassenchats oder Messenger-Gruppen
  • Aufnahmen ohne Einwilligung der abgebildeten Person

Häufigster Fehler: Jugendliche glauben, sie dürfen Nacktbilder, die ihnen freiwillig geschickt wurden, in einer Chatgruppe teilen. Das ist nach § 207a StGB strafbar, wenn das Bild eine geschlechtliche Handlung, die Genitalien oder die Schamgegend zeigt und dabei reißerisch verzerrt, auf sich selbst reduziert ist und der sexuellen Erregung des Betrachters dient (§ 207a Abs 4 Z 3 StGB) – auch wenn der Absender 16 oder 17 Jahre alt ist. Die Strafdrohung beträgt dann bei Erwachsenen 6 Monate bis 3 Jahre, bei Jugendlichen 0 bis 1,5 Jahre. Auch sonst kann das Teilen intimer Bilder strafbar sein, etwa als fortdauernde Belästigung im Wege einer Telekommunikation (§ 107c Abs 1 Z 2 StGB).

§ 207a StGB – Bildliches sexualbezogenes Kindesmissbrauchsmaterial

Seit dem 1. Dezember 2023 lautet die offizielle Bezeichnung nicht mehr „pornographische Darstellungen Minderjähriger", sondern „bildliches sexualbezogenes Kindesmissbrauchsmaterial und bildliche sexualbezogene Darstellungen minderjähriger Personen". Der Tatbestand erfasst:

  • Herstellung (Abs 1 Z 1): Aufnahme sexualbezogener Bilder von Minderjährigen
  • Verbreitung (Abs 1 Z 2): Anbieten, Verschaffen, Überlassen, Vorführen, Zugänglichmachen
  • Besitz (Abs 3): Besitz oder wissentlicher Zugriff im Internet

Der Strafrahmen wurde 2023 erhöht: bei Verbreitung in Bezug auf „viele Abbildungen" bis zu 5 Jahre (Jugendliche: bis 2,5 Jahre).

Weiterleitung von Nacktfotos – der häufigste Fall

In meiner Praxis ist die Weiterleitung von Nacktfotos in Klassenchats oder WhatsApp-Gruppen der häufigste Vorwurf bei Jugendlichen. Typische Konstellationen:

  • Rache nach Beziehungsende: Ex-Partner leitet intime Bilder an Dritte weiter
  • Gruppendynamik: Nacktfoto wird in der Schulklasse herumgeschickt – jeder Empfänger, der es weiterleitet, macht sich potenziell strafbar
  • Erpressung: Drohung, Bilder zu veröffentlichen, wenn das Opfer nicht zahlt oder weitere Bilder schickt

Entscheidend: Auch der bloße Besitz dieser Bilder kann strafbar sein, wenn die abgebildete Person unter 18 ist und es sich um sexualbezogenes Material handelt. Die Bilder müssen gelöscht werden, sobald die abgebildete Person ihr Einverständnis widerruft.

Cybergrooming (§ 208a StGB)

§ 208a StGB stellt die Anbahnung von Sexualkontakten zu Unmündigen unter Strafe. Strafbar ist, wer einem Kind unter 14 per Telekommunikation, über einen Computer oder sonst unter Täuschung über seine Absicht ein persönliches Treffen vorschlägt oder vereinbart und eine konkrete Vorbereitungshandlung für das Treffen setzt, um an dem Kind eine Sexualstraftat nach §§ 201 bis 207a Abs 1 Z 1 StGB zu begehen: Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahren (Jugendliche: bis 1 Jahr). Wer per Telekommunikation oder über einen Computer Kontakt zu einem Kind unter 14 herstellt, um Missbrauchsdarstellungen von ihm zu bekommen, ist schon für den Kontakt strafbar: Freiheitsstrafe bis zu 1 Jahr oder Geldstrafe (§ 208a Abs 1a StGB).

Das kann auch Jugendliche betreffen: Ein 16-Jähriger, der über Social Media gezielt ein 12-jähriges Kind kontaktiert, kann nach § 208a StGB verfolgt werden.

Strafrahmen bei Jugendlichen

DeliktErwachseneJugendliche (JGG)
§ 207a Abs 1 (Herstellung/Verbreitung)6 Mon.–3 Jahre0–1,5 Jahre
§ 207a Abs 1a (viele Abbildungen)1–5 Jahre0–2,5 Jahre
§ 207a Abs 3 (Besitz)bis 2 Jahre (Bilder Unmündiger: bis 3 Jahre)0–1 Jahr (Bilder Unmündiger: 0–1,5 Jahre)
§ 207b (sex. Missbrauch Jugendlicher)Abs 1: bis 1 Jahr oder Geldstrafe; Abs 2, 3: bis 3 JahreAbs 1: 0–6 Monate oder Geldstrafe; Abs 2, 3: 0–1,5 Jahre
§ 208a (Cybergrooming)bis 2 Jahre0–1 Jahr
§ 201 (Vergewaltigung)2–10 Jahre0–5 Jahre

Verteidigungsstrategien

  • Sexting-Ausnahme prüfen: War das Bild einvernehmlich und nur für den Eigengebrauch bestimmt? Dann greift § 207a Abs 5/6 StGB
  • Vorsatz prüfen: Wusste der Jugendliche, dass die abgebildete Person unter 18 war? Dass er die Weiterleitung für erlaubt hielt, entlastet ihn nur, wenn ihm dieser Irrtum nicht vorzuwerfen ist. Vorzuwerfen ist er, wenn das Unrecht für jedermann leicht erkennbar war (§ 9 StGB).
  • Diversion anstreben: Bei Erstdelikten und günstiger Prognose kommt eine Diversion nach § 7 JGG in Betracht; ausgeschlossen ist sie unter anderem bei schwerer Schuld (§ 7 Abs 2 Z 1 JGG) – kein Strafregistereintrag
  • Schadenswiedergutmachung: Sofortige Löschung aller Bilder, Entschuldigung an das Opfer
  • Strafregister schützen: Besonders bei Sexualdelikten hat ein Strafregistereintrag dramatische Folgen – Verurteilungen wegen Sexualdelikten (Zehnter Abschnitt des StGB, also auch §§ 207b und 208a) scheinen in der Strafregisterbescheinigung Kinder- und Jugendfürsorge auf, auch wenn sie sonst nicht beauskunftet werden (§ 10 Abs 1a StRegG). Sie wird bei Tätigkeiten mit Minderjährigen verlangt (§ 10 Abs 1b StRegG)

Ein Beispiel: Nacktfoto im Klassenchat

Angenommen, eine 15-Jährige schickt ihrem 16-jährigen Freund ein intimes Foto, das unter § 207a Abs 4 Z 3 StGB fällt. Nach der Trennung leitet er das Bild an drei Freunde weiter, die es in den Klassenchat (25 Personen) stellen. Rechtliche Lage: Das Versenden des eigenen Fotos war straflos (§ 207a Abs 6 Z 1 StGB), ebenso der Besitz durch den Freund, solange die Einwilligung bestand (§ 207a Abs 5 Z 1 StGB) – einvernehmlich, ab 14, Eigengebrauch. Die Weiterleitung hingegen ist nach § 207a Abs 1 Z 2 StGB strafbar: 6 Monate bis 3 Jahre bei Erwachsenen, 0 bis 1,5 Jahre bei Jugendlichen. Meine Strategie wäre: Sofortige Löschung auf allen Geräten nachweisen, Entschuldigung an das Opfer, Kooperation mit der StA – mit dem Ziel einer Diversion.

Häufige Fragen

Ist Sexting unter Jugendlichen strafbar?

Einvernehmliches Sexting zwischen Jugendlichen ab 14 Jahren ist seit 2016 grundsätzlich straflos – solange die Bilder nur für den eigenen Gebrauch bestimmt sind und nicht an Dritte weitergeleitet werden. Die Weiterleitung macht strafbar.

Mein Kind hat ein Nacktfoto in eine Chatgruppe geschickt – was jetzt?

Wenn die abgebildete Person unter 18 ist, kann dies eine Straftat nach § 207a StGB sein. Sofort einen Strafverteidiger kontaktieren. Alle Kopien löschen, keine Aussage ohne anwaltliche Beratung. Bei Ersttätern kommt eine Diversion in Betracht.

Macht sich auch der Empfänger strafbar?

Der bloße Empfang (unaufgefordert) macht in der Regel nicht strafbar. Wer das Bild jedoch bewusst speichert, weiterleitet oder anfordert, kann sich nach § 207a StGB strafbar machen. Die sofortige Löschung ist die sicherste Reaktion.

Was bedeutet eine Verurteilung wegen eines Sexualdelikts für die Zukunft meines Kindes?

Eine Verurteilung wegen eines Sexualdelikts (Zehnter Abschnitt des StGB) scheint im Strafregister auf. Sie wird in den Strafregisterbescheinigungen „Kinder- und Jugendfürsorge“ und „Pflege und Betreuung“ sichtbar, auch wenn sie sonst nicht beauskunftet wird (§ 10 Abs 1a, 1c StRegG) – diese werden bei Berufen in der Kinder- und Jugendarbeit, im Bildungsbereich und in der Pflege eingeholt. Das kann Karrierewege massiv einschränken. Genau deshalb ist eine Diversion oder Einstellung das vorrangige Verteidigungsziel bei diesen Delikten.

Muss mein Kind die Bilder sofort löschen?

Ja. Sobald die abgebildete Person ihre Einwilligung widerruft, müssen die Aufnahmen gelöscht werden. Auch wenn zunächst alles einvernehmlich war – nach einem Widerruf wird der weitere Besitz strafbar (§ 207a Abs 5 Z 1 StGB). Die sofortige und vollständige Löschung (auch aus Cloud-Speichern und Backups) ist die wichtigste Sofortmaßnahme, noch bevor ein Strafverteidiger kontaktiert wird.