Jugendstrafrecht in Österreich – Ihr Strafverteidiger Mag. Zaid Rauf

Wenn Ihr Kind in Wien eine Vorladung von der Polizei erhalten hat oder sogar festgenommen wurde, stehen Sie als Eltern vor einer der belastendsten Situationen. Was passiert jetzt? Bekommt mein Kind eine Vorstrafe? Muss es ins Gefängnis? Die gute Nachricht: Das österreichische Jugendstrafrecht ist grundlegend anders aufgebaut als das Erwachsenenstrafrecht – der Erziehungsgedanke steht im Vordergrund, nicht die Bestrafung. Doch das bedeutet nicht, dass die Konsequenzen harmlos sind.

Als Strafverteidiger in Wien und Mitherausgeber des Praxiskommentars zum Jugendgerichtsgesetz (Linde Verlag, 2025) verteidige ich Jugendliche und junge Erwachsene in allen Verfahrensstadien – von der ersten Einvernahme bei der Polizei bis zur Hauptverhandlung vor dem Jugendrichter. In diesem Artikel erfahren Sie alles, was Sie als Elternteil oder junger Beschuldigter über das Jugendstrafrecht in Österreich wissen müssen.

Erkennen Sie sich wieder?

  • Ihr Kind (14–17) hat eine Vorladung als Beschuldigter erhalten
  • Ihr Kind wurde festgenommen oder befindet sich in U-Haft
  • Die Polizei hat Ihr Kind in der Schule befragt – ohne Ihr Wissen
  • Ihrem Kind wird Raub, Körperverletzung, Diebstahl oder ein Suchtmitteldelikt vorgeworfen
  • Sie wollen wissen, ob eine Diversion (= keine Vorstrafe) möglich ist
  • Sie sind selbst zwischen 18 und 21 und fragen sich, ob das Jugendstrafrecht noch gilt

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JGG – Praxiskommentar zum Jugendgerichtsgesetz

Mag. Zaid Rauf ist Mitherausgeber des 2025 im Linde Verlag erschienenen Praxiskommentars zum Jugendgerichtsgesetz (JGG). Das Werk bietet auf 312 Seiten fundierte Erläuterungen zu allen Bestimmungen des JGG – aus der Praxis, für die Praxis.

Diese wissenschaftliche Expertise fließt unmittelbar in jede Verteidigung ein, die ich für Jugendliche und junge Erwachsene führe.

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Was ist Jugendstrafrecht?

Das Jugendstrafrecht ist im Jugendgerichtsgesetz (JGG) geregelt und stellt ein Sondergesetz zum allgemeinen Strafrecht dar. Es gilt für Personen, die zum Tatzeitpunkt zwischen 14 und 17 Jahre alt waren (Jugendliche) sowie teilweise für junge Erwachsene zwischen 18 und 20 Jahren.

Der zentrale Unterschied zum Erwachsenenstrafrecht: Im Jugendstrafrecht steht nicht die Bestrafung im Vordergrund, sondern die Spezialprävention – also die Frage, wie der junge Mensch von weiteren Straftaten abgehalten werden kann.

Das bedeutet in der Praxis: Die Palette an Reaktionsmöglichkeiten ist breiter als im Erwachsenenstrafrecht. Sie reicht vom Absehen von der Verfolgung über die Diversion bis hin zum Schuldspruch ohne Strafe – und erst als letztes Mittel kommt eine Freiheitsstrafe in Betracht.

Altersgruppen im Überblick

Das Jugendgerichtsgesetz unterscheidet zwischen vier Personengruppen:

GruppeAlterRechtsfolge
Unmündigeunter 14Strafunmündig – keine strafrechtliche Verfolgung (§ 4 Abs 1 JGG)
Jugendliche14–17JGG vollständig anwendbar – mildere Strafrahmen, erweiterte Diversion
Junge Erwachsene18–20JGG teilweise anwendbar (§§ 19, 46a JGG) – seit Gewaltschutzgesetz 2019 bei Gewalt-/Sexualdelikten eingeschränkt
Erwachseneab 21Allgemeines Strafrecht

Entscheidend ist das Alter zum Tatzeitpunkt, nicht das Alter bei der Verhandlung. Wer mit 17 eine Straftat begeht, wird auch dann nach Jugendstrafrecht beurteilt, wenn die Verhandlung erst mit 19 oder 20 stattfindet.

Strafmündigkeit: Ab wann ist man in Österreich strafbar?

Die Strafmündigkeit beginnt mit dem vollendeten 14. Lebensjahr. Kinder unter 14 sind strafunmündig. In diesen Fällen kann die Kinder- und Jugendhilfe tätig werden.

Auch nach dem 14. Geburtstag gibt es zwei Ausnahmen:

  • Reifemangel (§ 4 Abs 2 Z 1 JGG): Der Jugendliche ist nicht strafbar, wenn er noch nicht reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder danach zu handeln. Der OGH verlangt eine Entwicklungshemmung außergewöhnlichen Grades (RIS-Justiz RS0088652).
  • Unter-16-Vergehen (§ 4 Abs 2 Z 2 JGG): Jugendliche unter 16, die ein Vergehen begehen, sind nicht strafbar, wenn sie kein schweres Verschulden trifft und nicht aus besonderen Gründen die Anwendung des Jugendstrafrechts geboten ist, um sie von strafbaren Handlungen abzuhalten.

Ablauf eines Jugendstrafverfahrens in Wien

1. ANZEIGE
Polizei ermittelt, Jugendgerichtshilfe wird eingeschaltet
2. EINVERNAHME
Mit Vertrauensperson und Anwalt, Aufnahme möglich
3. DIVERSION / ANKLAGE
StA entscheidet: Einstellung, Diversion oder Anklage
4. VERHANDLUNG
Jugendrichter, Ausschluss der Öffentlichkeit möglich

Praxis-Tipp vom Strafverteidiger

Wenn Ihr Kind eine Vorladung zur Einvernahme bei der Polizei erhält: Gehen Sie nicht allein hin. Jugendliche haben ab der ersten Einvernahme das Recht auf einen Verteidiger. Eine unüberlegte Aussage kann den gesamten Verfahrensverlauf negativ beeinflussen. Mein Rat: Erst mit einem Anwalt sprechen, dann aussagen. Eine Aussage kann immer noch nachgeholt werden.

Strafrahmen im Jugendstrafrecht

§ 5 JGG sieht erhebliche Milderungen vor:

  • Das Höchstmaß aller Freiheitsstrafen wird auf die Hälfte herabgesetzt
  • Ein Mindestmaß entfällt – außer bei den schwersten Verbrechen: Statt lebenslang droht mindestens ein Jahr, statt zehn bis zwanzig Jahren mindestens sechs Monate
  • Keine lebenslange Freiheitsstrafe – Höchststrafe: 15 Jahre, bei Taten vor dem 16. Geburtstag 10 Jahre
  • Höchstmaß der Geldstrafe wird ebenfalls halbiert
DeliktErwachseneJugendliche
Raub (§ 142 StGB)1–10 Jahre0–5 Jahre
Schwere KV (§ 84 Abs 4 StGB)6 Mon.–5 Jahre0–2,5 Jahre
Suchtgifthandel (§ 28a Abs 1 SMG)bis 5 Jahre0–2,5 Jahre
Einbruchsdiebstahl (§ 129 Abs 1 StGB)bis 3 Jahre0–1,5 Jahre
Schwerer Betrug (§ 147 Abs 1 und 2 StGB)bis 3 Jahre0–1,5 Jahre
Vergewaltigung (§ 201 StGB)2–10 Jahre0–5 Jahre

Sonderfall: Junge Erwachsene seit dem Gewaltschutzgesetz 2019

Seit dem Gewaltschutzgesetz 2019 gelten für junge Erwachsene bei bestimmten schweren Delikten die allgemeinen Strafrahmen. Das betrifft nach § 19 Abs 4 JGG strafbare Handlungen gegen Leib und Leben, gegen die sexuelle Integrität, als Mitglied einer kriminellen Vereinigung, beim Anführen einer oder der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung (§ 278b StGB) sowie bei Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen – sofern die Höchststrafe mindestens 5 Jahre beträgt. Die lebenslange Freiheitsstrafe bleibt ausgeschlossen; die Höchststrafe beträgt 20 Jahre.

OGH (Verstärkter Senat) 18.04.2023, 15 Os 119/22x, zu § 19 Abs 4 Z 1 JGG: Raub in der Begehungsform der Gewalt gegen eine Person stellt eine strafbare Handlung gegen Leib und Leben dar – die milderen Strafrahmen des § 19 Abs 1 JGG kommen für junge Erwachsene daher nicht zum Tragen.

Das Sanktionssystem – Welche Strafen drohen?

1. Absehen von der Verfolgung (§ 6 JGG)

Ist die Tat nur mit Geldstrafe oder mit höchstens fünf Jahren Freiheitsstrafe bedroht, muss die StA von der Verfolgung absehen und das Verfahren einstellen, wenn weitere Maßnahmen wie eine Diversion nicht nötig sind, um den Jugendlichen von weiteren Taten abzuhalten. Das gilt nicht, wenn die Tat den Tod eines Menschen zur Folge hatte. Keine Anklage, kein Strafregistereintrag.

2. Diversion (§ 7 JGG)

Die Diversion ist bei Jugendlichen breiter anwendbar als bei Erwachsenen. Möglichkeiten: Geldbetrag, gemeinnützige Leistungen (max. 120 Stunden), Probezeit oder Tatausgleich. Besonderheit: Beim Tatausgleich ist die Zustimmung des Opfers bei Jugendlichen nicht zwingend erforderlich. Ergebnis: Kein Strafregistereintrag.

3. Schuldspruch ohne Strafe (§ 12 JGG)

Wäre nur eine geringe Strafe zu verhängen, muss das Gericht vom Strafausspruch absehen, wenn der Schuldspruch allein genügt, um den Jugendlichen von weiteren Taten abzuhalten (§ 12 Abs 1 JGG).

4. Schuldspruch unter Vorbehalt der Strafe (§ 13 JGG)

Das Gericht stellt die Schuld fest, behält sich den Strafausspruch für eine Probezeit (1–3 Jahre) vor. Bewährt sich der Jugendliche, wird die Strafe nie ausgesprochen.

5. Bedingte Freiheitsstrafe

Freiheitsstrafe wird ausgesprochen, aber für eine Probezeit bedingt nachgesehen.

6. Unbedingte Freiheitsstrafe (Ultima Ratio)

Die Freiheitsstrafe wird nicht bedingt nachgesehen. Über einen Jugendlichen darf sie nur verhängt werden, wenn er in der Hauptverhandlung durch einen Verteidiger vertreten war (§ 5 Z 12 JGG).

Besonderheiten des Jugendstrafverfahrens

Jugendrichter und Schöffengericht

Jugendstrafsachen werden von spezialisierten Jugendrichtern verhandelt. Ist die Tat für Erwachsene mit mehr als fünf Jahren Freiheitsstrafe bedroht, entscheidet ein Schöffengericht. Die Halbierung für Jugendliche zählt dabei nicht. Droht Erwachsenen lebenslange Freiheitsstrafe und war der Jugendliche bei der Tat schon 16, entscheidet ein Geschworenengericht. Dem Gericht gehört mindestens eine Person aus Lehrberuf, Erziehung oder Kinder- und Jugendhilfe an.

Jugendgerichtshilfe (§ 48 JGG)

Die Jugendgerichtshilfe wird bereits im Ermittlungsverfahren eingeschaltet und erstellt einen Bericht über die persönlichen Verhältnisse und die Entwicklung des Jugendlichen. Die Hauptverhandlung darf erst stattfinden, wenn diese Jugenderhebungen vorliegen (§ 43 Abs 1b JGG).

Notwendige Verteidigung und Verfahrenshilfe (§ 39 JGG)

Im Jugendstrafrecht ist die notwendige Verteidigung deutlich weiter gefasst als im Erwachsenenstrafrecht. Ein Jugendlicher muss einen Verteidiger haben:

  • Bei einem Verbrechen (Strafdrohung für Erwachsene über drei Jahre): im gesamten Verfahren, sobald der Jugendliche über die Ermittlungen zu informieren ist (§ 39 Abs 1 Z 1 JGG)
  • Bei einem Vergehen: sobald nach einem Polizeibericht weiter ermittelt wird, bei einer Gegenüberstellung, in der Hauptverhandlung und im Rechtsmittelverfahren (§ 39 Abs 1 Z 2 bis 5 JGG)
  • Nach Festnahme: unverzügliches Recht auf einen Verteidiger in Bereitschaft – auf dieses Recht kann der Jugendliche nicht verzichten (§ 39 Abs 3 JGG)

Hat der Jugendliche in diesen Fällen keinen Verteidiger, wird ihm von Amts wegen einer beigegeben; dessen Kosten trägt er grundsätzlich selbst. Würde die Zahlung sein Fortkommen erschweren oder kann er die Kosten nicht tragen, wird ein Verfahrenshilfeverteidiger beigegeben (§ 39 Abs 2 JGG). Überschreitet der Jugendliche im Laufe des Verfahrens das 18. Lebensjahr, bleibt die Beigebung aufrecht.

Vernehmung: Vertrauensperson und Aufzeichnung

Bei der Vernehmung nach einer Festnahme, bei einer Tatrekonstruktion und bei einer Gegenüberstellung muss ein Jugendlicher durch einen Verteidiger vertreten sein. Bei anderen Vernehmungen ist ohne Verteidiger eine Vertrauensperson beizuziehen, etwa ein Elternteil oder ein Lehrer (§ 37 JGG). Ist weder ein Verteidiger noch ein gesetzlicher Vertreter oder eine Vertrauensperson dabei, nehmen Polizei oder StA die Vernehmung in Ton und Bild auf (§ 36a Abs 2 JGG).

U-Haft als Ultima Ratio (§ 35 JGG)

U-Haft bei Jugendlichen unterliegt strengeren Voraussetzungen. Der Jugendliche ist freizulassen, sobald der Haftzweck durch familienrechtliche Verfügungen, allenfalls mit gelinderen Mitteln, erreicht werden kann. Die Haft darf nur verhängt werden, wenn ihre Nachteile für Entwicklung und Fortkommen nicht außer Verhältnis zur Tat und zur erwarteten Strafe stehen (§ 35 Abs 1 JGG).

Ausschluss der Öffentlichkeit

In Jugendstrafsachen ist die Öffentlichkeit von der Hauptverhandlung auszuschließen, wenn das im Interesse des Jugendlichen geboten ist – von Amts wegen oder auf Antrag (§ 42 Abs 1 JGG). Das schützt vor Stigmatisierung.

Strafregister bei Jugendlichen

VerfahrensausgangStrafregistereintrag?Im Leumundszeugnis sichtbar?
Einstellung / Absehen von VerfolgungNeinNein
DiversionNeinNein
Schuldspruch ohne StrafeJaNein
Verurteilung bis 6 Mon. / 360 TS (Tat vor 21. Geb.)JaNein – nur für Gerichte, StA, Polizei und bestimmte andere Stellen
Verurteilung über 6 MonateJaJa – bei Tat vor 21. Geb. und höchstens 1 Jahr nach drei Jahren nicht mehr

Tilgung: Strafregistereinträge werden nach Ablauf der Tilgungsfrist gelöscht. Frühzeitige anwaltliche Beratung kann entscheidend dazu beitragen, einen Eintrag ganz zu vermeiden.

Wichtig für Lehrstelle und Beruf: Arbeitgeber können ein Leumundszeugnis verlangen. Ein sichtbarer Strafregistereintrag kann die berufliche Zukunft erheblich beeinträchtigen. Deshalb ist es wichtig, bereits im Ermittlungsverfahren die Weichen auf Diversion oder Einstellung zu stellen.

Verteidigungsstrategien im Jugendstrafrecht

Als Strafverteidiger in Wien setze ich bei Jugendlichen auf folgende Strategien:

1. Diversion anstreben (§ 7 JGG)

Primäres Ziel ist eine Diversion. Das JGG lässt sie in mehr Fällen zu als die StPO: Die Grenze von fünf Jahren Strafdrohung (§ 198 Abs 2 Z 1 StPO) gilt nicht (RIS-Justiz RS0114263). Ausgeschlossen ist sie unter anderem bei schwerer Schuld und grundsätzlich, wenn die Tat den Tod eines Menschen zur Folge hatte (§ 7 Abs 2 JGG).

2. Strafmündigkeit und Reifemangel prüfen

Bei Jugendlichen nahe 14 Jahren oder bei Entwicklungsverzögerungen prüfe ich § 4 Abs 2 Z 1 JGG (Reifemangel) und § 4 Abs 2 Z 2 JGG (Unter-16-Vergehen).

3. Tatbestand und Vorsatz bestreiten

Gerade bei Gruppendelikten (Raub, Schlägereien) ist die individuelle Tatbeteiligung oft unklar. Die Staatsanwaltschaft muss den Tatvorwurf beweisen.

4. Strafrahmen nutzen

Durch Halbierung der Strafrahmen und Wegfall der Mindeststrafen ergibt sich erheblicher Spielraum. Selbst bei schweren Delikten kann eine Freiheitsstrafe bedingt nachgesehen werden, auch wenn sie zwei bzw. drei Jahre übersteigt (§ 5 Z 9 JGG).

5. Strafregister-Eintrag vermeiden

Jede Strategie wird darauf ausgerichtet, einen sichtbaren Eintrag zu verhindern – wegen der Folgen für Lehrstelle und Beruf.

Häufige Fragen zum Jugendstrafrecht

1. Ab wann ist man in Österreich strafmündig?

Die Strafmündigkeit beginnt mit dem vollendeten 14. Lebensjahr. Kinder unter 14 können strafrechtlich nicht verfolgt werden.

2. Was passiert wenn ein 13-Jähriger eine Straftat begeht?

Kein Strafverfahren möglich. Die Kinder- und Jugendhilfe kann tätig werden. Zivilrechtlich können Eltern wegen Verletzung der Aufsichtspflicht für den Schaden haften.

3. Bekommt mein Kind eine Vorstrafe?

Nicht zwingend. Bei Diversion oder Einstellung gibt es keinen Strafregistereintrag. Selbst bei Verurteilungen bis 6 Monate (Tat vor dem 21. Geburtstag) ist der Eintrag im Leumundszeugnis nicht sichtbar. Die beste Strategie: Frühzeitig auf Diversion hinarbeiten.

4. Was ist eine Diversion bei Jugendlichen?

Eine Alternative zur Verurteilung: Geldzahlung, gemeinnützige Leistungen, Probezeit oder Tatausgleich. Im Jugendstrafrecht breiter anwendbar als bei Erwachsenen. Größter Vorteil: Kein Strafregistereintrag. Mehr dazu: Diversion in Österreich.

5. Braucht mein Kind einen Anwalt?

Im Jugendstrafrecht ist die notwendige Verteidigung weiter gefasst als bei Erwachsenen. Bei einem Verbrechen ist ein Verteidiger im gesamten Verfahren zwingend vorgeschrieben (§ 39 Abs 1 Z 1 JGG). Bei einem Vergehen gilt das, sobald nach dem Polizeibericht weiter ermittelt wird, und jedenfalls in der Hauptverhandlung (§ 39 Abs 1 Z 2 und 4 JGG). Würde die Zahlung das Fortkommen des Jugendlichen erschweren oder kann er die Kosten nicht tragen, wird ein Verfahrenshilfeverteidiger beigegeben (§ 39 Abs 2 JGG). Je früher ein Anwalt eingeschaltet wird, desto besser die Chancen auf eine Diversion.

6. Können Eltern bestraft werden wenn das Kind straffällig wird?

Strafrechtlich nicht für die Tat des Kindes. Zivilrechtlich kann eine Haftung wegen Verletzung der Aufsichtspflicht bestehen – insbesondere bei unter 14-Jährigen.

7. Welche Delikte werden Jugendlichen vorgeworfen?

Vorwürfe gegen Jugendliche betreffen zum Beispiel: Diebstahl, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Suchtmitteldelikte und Raub (insbesondere „Abziehen").

8. Wann droht einem Jugendlichen Untersuchungshaft?

U-Haft ist Ultima Ratio. Der Jugendliche ist freizulassen, sobald familienrechtliche Verfügungen, allenfalls mit gelinderen Mitteln, den Haftzweck erfüllen (§ 35 Abs 1 JGG). Wäre das Bezirksgericht zuständig, ist U-Haft unzulässig (§ 35 Abs 1a JGG).

9. Gilt das Jugendstrafrecht auch für 18–21-Jährige?

Ja, teilweise. Nach § 46a JGG gelten Jugendgerichte, Öffentlichkeitsausschluss, U-Haft-Schranken und Jugendgerichtshilfe weiter. Seit dem Gewaltschutzgesetz 2019 gelten bei schweren Gewalt- und Sexualdelikten (ab 5 Jahren Strafdrohung) jedoch die Erwachsenen-Strafrahmen. Lebenslange Freiheitsstrafe bleibt ausgeschlossen (Höchststrafe: 20 Jahre).

10. Werden Jugendstrafen im Leumundszeugnis eingetragen?

War die Tat vor dem 21. Geburtstag, erscheinen Verurteilungen bis 6 Monate bzw. 360 Tagessätze nicht im Leumundszeugnis, Verurteilungen bis zu einem Jahr nach drei Jahren nicht mehr. Sichtbar bleiben sie für Gerichte, StA, Polizei und bestimmte andere Stellen. Diversionen führen zu keinem Eintrag.